Georg Andreas Sorge:
»Der andere Theil von dem Vorgemach der musicalischen Composition«

(Lobenstein, im Verlag des Autoris, [1746])
Durchsuchbarer Volltext nach der Erstausgabe
(Vorlage: IMSLP / Bayerische Staatsbibliothek; transkribiert von Georg Thoma mit KI-Unterstützung; Kritischer Bericht)

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[Titelseite]

Der andere Theil
von dem
Vorgemach
der musicalischen Composition
in zwey Stücke abgetheilet.
Davon

Das erste Stück
Die
Lehre vom Sexten-Accord,
Und

Das andere Stück
Die
Lehre vom wohlklingenden
Quarten-Accord
in sich hält.

Denenjenigen, welche den General-Baß und die Composition
studiren, zu Nutz eröfnet,
Von
Georgio Andrea Sorgio,
Gräfl. Reuß-Plauischen Hof- und Stadt-Organisten zu Lobenstein.


Lobenstein, im Verlag des Autoris.

[...]

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[Inhaltsverzeichnis]

Inhalt des Andern Theils von dem Vorgemach der musicalischen Composition.

Erstes Stück.

Zweytes Stück des andern Theils.

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[Zweytes Stück, Titelseite]

Zweytes Stück
Des Andern Theils
von dem
Vorgemach
der musicalischen Composition
in sich haltend
Die
Lehre vom wohlklingenden
Quarten-Accord.

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PARTIS SECVNDAE.
SECTIO II.

Das I. Capitel.
Von der Quarte, ob sie eine Consonantia oder Dissonantia sey?

§. 1.

Es ist allen Musicis, die sich in der musicalischen Literatur ein wenig umgesehen, und nur zum wenigsten des berühmten Music-Gelehrten Herrn Matthesons forschendes Orchestre gelesen haben, bekannt, was wegen der Quarte von alten Zeiten her, und noch bis auf den heutigen Tag, vor unterschiedliche Meynungen geheget worden sind, und noch geheget werden. Denn viele sagen: Die Quarta sey eine Consonantia; viele aber, und sonderlich wohlgedachter Herr Capellmeister Mattheson geben sich ungemeine Mühe, zu behaupten: Sie sey eine Dissonantia. Da wir nun in der vorgesetzten Ordnung, nach dem Sexten-Accorde auf den angenehm lautenden Quarten-Accord kommen; so wird auch ein Wörtlein zu diesen Handel und Streit-Frage müssen gesaget werden. Ehe wir nun würcklich die Lehre vom Quarten-Accord vornehmen, so wollen wir vorher von der Quarte etwas überhaupt gedencken.

§. 2.

Die Quarte hat ihren Namen daher, weil ihr höherer Klang von den tiefern abgerechnet in unsern Noten-Plan die vierte Stelle einnimmt. Z. E.

c d e f.
1 2 3 4.

§. 3.

Demnach ist die Quarte ein Intervall, welches in 3. Klang-Stuffen oder Grade eingetheilet wird, und nach dem Unterschied der halben oder gantzen Stufen klein oder groß, wie auch verkleinert oder vergrößert ist. Weil die Eintheilung in die kleineste, kleine, große, und größeste nicht allerdings <S. 96 / PDF 42> passen will, so wollen wir sie eintheilen in die eigentliche, kleinere und größere Quarte; In Quartam essentialem s. veram, Quartam superfluam & Quartam diminutam, und am Ende dieser Abhandlung wollen wir auch von der größesten Quarte, wie sie Herr Capellmeister Telemann nennet, etwas gedencken.

§. 4.

Wir wollen jede Art in Noten darstellen, und ihre Zwischen-Stufen mit Puncten bezeichnen. Die größere (superflua) hat 3. gantze Stuffen; die eigentliche 2. gantze und eine halbe; und die kleinere 2. halbe und 1. gantze Stufe. Die größeste erfordert 2. gantze und eine welche 1½ Stufe, oder Secundam superfluam ausmacht. Z. E. siehe Tab. XIIII. Fig. 1.

§. 5.

Wer Herrn Telemanns Intervallen-System noch nicht gesehen hat, der wird wegen der größesten Quarte große Augen machen. Sie hat eine gar große Stuffe an der ersten; wer sie steigen will, der nehme sich in acht, daß er nicht stolpere! So viel von ihren Namen und Größe.

§. 6.

Es verhält sich bey nahe mit der Quarte, wie mit dem Gelde. In manchen Lande gilt manches Geld nicht; zum wenigsten nicht in so hohen Werth, als in dem Lande desjenigen Herrn der es hat schlagen lassen. Also gilt auch die Quarte als Consonantia nicht an allen Orten, sondern nur wo sie eigentlich zu Hause ist.

§. 7.

Hat Sonus infimus Triadis die Herrschafft, oder stehet zum Grunde eines Satzes, so gilt die alte vermeynte Werckmeisterische Quarte, welche die Quint und Octav im Haupt-Accord miteinander ausmachen, nicht als Quarte, sondern ihre beyde Klänge, woraus sie bestehen soll, bekommen von Grund-Klange ihre Namen, und heißt der untere: Die Quint, und der Obere: Die Octav. Wenn aber der Grund-Klang und die Terz weggethan wird, alsdenn heissen die noch übrigen 2. eine Quart.

§. 8.

Ob nun wohl diese Werckmeisterische Quarte hier nicht so wohl als Quarte, sondern ihre bey Enden als Quint und Octav anzusehen sind, so hat diese Quarte (Quarta non fundata) so die Mittel- und Ober-Stimme mit einander ausmachen, ein großes vor denen eigentlichen Dissonantzen voraus; denn wo kan und darff sich eine Secund oder Septime, so eine Mittel- und Ober-Stimme, oder auch zwey <S. 97 / PDF 43> Mittel-Stimmen mit einander ausmachen, in einem völlig consonirenden Haupt- oder Sexten-Accorde sehen lassen? So viel ist wahr: Ist die Quint und Terz vorhanden; so consoniret freylich die Quarte keinesweges, weil ihr die Terz und Quint, oder auch nur die Quint allein im Wege stehen. Aber nicht nur die Quarte, sondern auch die Sexte darff sich beym Haupt-Accord nicht unterstehen, sich vor eine Consonantz auszugeben, weil ihr die Quint öffentlich widerspricht, und sie nicht neben sich leiden kan, so wenig als die Terz die Quart. Da gilt freylich die Quarten-Müntze nicht.

§. 9.

Hat Sonus medius Triadis das Regiment, und stehet zum Grund-Klange; so gilt die Quarte, so sich zwischen der Terz und Sext befindet, oder, welche die Terz mit der Sext ausmacht, wiederum nicht als Quarte, sondern ihr unteres Ende paßiret vor eine Terz, und ihr oberes vor eine Sext, wie wir im Sexten-Accord gelernet haben. Sonus medius ist zwar so höflich, und läßt sie dann und wann neben seiner Terz Platz nehmen; allein die Terz kan sich nicht mit ihr vertragen, weil sie mit derselben eine dissonirende Secund oder Septime ausmacht. Z. E. siehe Tab. XIII. Fig. 2. Die Quint hat alsdenn auch Urlaub, ist verschlagen, und gilt nicht eher wieder, bis die Sext weg ist.

§. 10.

Führet aber Sonus supremus Triadis das harmonische Scepter, so ist die Quarta in großen Ansehen, und stehet ihr unteres Ende als Grund-Klang (pro Basi) gilt auch so viel als sonst die Quint, und ihr oberes so viel als sonsten die Octav. Es werden alsdenn Terz und Quint verschlagen, hergegen gilt nichts als Quart, Sext und Octav. Sonus infimus Triadis fundamentalis läßt der Quarte die Freude, an seiner Stelle die Herrschafft zu führen, offt eine gute Zeit. Kommt es aber endlich zum Schlusse, so muß so wohl der Quarten- als Sexten-Accord die Herrschafft der Triadi fundamentali überantworten, und gilt weder Quarte noch Sexte mehr, sondern nur Terz, Quint und Octav.

§. 11.

Wolte man nun, um der Terz und Quint willen, die Quart in Ansehung, und in ihrem Verhalt gegen die Final-Chorde, zur Dissonantz machen; so würde nothwendig die Sext auch um ihren Adel kommen, weil sie respectu triadis so wenig als die Quart klinget. So ungereimt es nun seyn würde, wenn man die Sext wolte zur Dissonantz machen, weil sie neben der Quint nicht consoniret, eben so ungereimt würde es seyn, wenn man wolte sagen: Die Quarte sey eine Dissonantz, weil sie nicht ad Triadem fundamentalem gehörete.

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§. 12.

Keine Secunde oder Septime, als eigentliche Dissonantzen, darff sich so viel heraus nehmen, wie die Quarte thut. Gehen nicht beym Sexten-Accord offt eine Menge Quarten, in Ansehung der Ober- und Mittelstimme, hinter einander her, welches weder Secunden noch Septimen thun dürffen?

§. 13.

Die Secunden (worunter auch die Nonen, als am obern Ende gebundene Secunden gehören) und Septimen sind je und alle wege Dissonantzen; aber die Quarte wird es nur zufälliger Weise, wenn ihr die Quint zu nahe kommt, oder die Terz schon vorhanden ist; welches nicht der Quart allein, sondern auch selbst der Quint widerfähret, wenn ihr die Sext zu nahe kömmt. Ja auch die Sext will nicht mehr consoniren, wenn ihr die Septime zu nahe tritt. Z. E. siehe Tab. XIII. Fig. 3.

§. 14.

Es ist also gantz was anders, von Natur, je und allezeit eine Dissonantz seyn, als eine per accidens auf kurtze Zeit werden. Gleichwie auch die Sext in Ansehung des Grund-Tons zufälliger Weise zur Dissonantz wird, wenn sie sich nebst der Quart zur beständig dissonirenden Secund gesellet. Ein anders ist eine ungültige Müntze von bösen Schrott und Korn, ein anders aber, wenn eine sonst gute durch den Verschlag oder in fremden Landen ungültig wird.

§. 15.

Die Quarte ist eine umgekehrte Quint; ihre Sext, so sie bey sich führet, eine umgekehrte Terz. Ihr unteres Ende versiehet (wenn man ihren Satz gegen den Haupt-Accord betrachtet) der Quinte Stelle, und ihr oberes Ende des Grund-Tons Stelle.

§. 16.

Es hat wohlgedachter Herr Capellmeister Mattheson im Forschenden Orchestre sich viele Mühe gegeben, die gute Quarte aus der Classe der Consonantzen, so wohl der perfecten, worein sie viele gelehrte und geehrte Alten gesetzet hatten, als auch der imperfecten, wovor sonderlich der belobte Prinz erkennet, außzumertzen, so, daß er endlich p. 650. gedachten Buchs von ihr folgenden bedencklichen Ausspruch thut: „Das heißt nun, auf unsere Sprache, Sonnenklar dargeleget, daß die Quarte keinesweges eine Consonantia, weder perfecta noch auch imperfecta; sondern je und allewege eine Dissonantia =

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Pardon, Pardon! Es fehlet noch ein einziges Wörtgen, so ist die arme Quarte excommuniciret. Soll es den Rechts-Spruch vollends bekräfftigen? Nein, nein! Der wackere Mann, der sich um die edle Music so besonders verdient gemacht hat, ja der so ein großer Liebhaber der Wahrheit und Gerechtigkeit ist, kan nicht vorüber, ohnerachtet aller vorher angewandten vielen Mühe, folgende bedenckliche Limitation darzwischen zusetzen: wenigstens mehr Dis- als Consonantia sey.

§. 17.

So starck ist die Wahrheit, daß sie doch immer hervor leuchtet, und sich nicht leicht unterdrücken lässet. Du arme Quarte! bald wäre es um deinen Adel gethan gewesen. Aber nein! wenn man dich gleich per accidens, gleichwie die Quinte, deren Bild du trägest, zur Dissonantz macht, so wirst du doch hergegen noch viel öffter als Consonantia gebraucht.

§. 18.

Herr Mattheson kan ferner nicht umhin, der ehrlichen Quart, wenn sie die Sext und Octav bey sich hat, das Wort zu reden, und sie in solchen Fall vor eine Consonantz zu erkennen, indem Er unsern vorhabenden Satz der Quart, Sext und Octav p. 547. l. c. verwittwete und vaterlose 3. 5. 8. die bisweilen recht schön wären, nennet.

§. 19.

Und in seiner kleinen General-Baß-Schule setzt Er sie in diesem Verstande gleichfalls mit unter die Consonantzen, und sagt p. 174. von ihr folgendes: „Es ist was Angenehmes um den Sext- und Quarten-Accord; denn obgleich bekandter maßen die Quart an ihr selbst eine Dissonantz ist, etwas übel klinget, gebunden und aufgelöset werden muß, so ist sie doch in diesem Fall der Sext unterthänig, und macht NB. eine wohlklingende Uebereinstimmung durch dieselben Gesellschafft."

§. 20.

Wie viel wäre hierbey zu erinnern! Diese wohlklingende Uebereinstimmung aber hat sie nicht so wohl der Sext, als vielmehr dem Haupt-Accord, aus dessen Versetzung sie entspringet, zu dancken. Sie ist auch nicht der Sext unterthänig, sonsten müste folgen, daß die Octav der Terz unterthänig wäre.

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§. 21.

Gleichwie aber Frau und Kinder, in Abwesenheit, oder auch nach Absterben ihres resp. Mannes oder Vaters, darum nicht aufhören, sich von ihrem Mann oder Vater zu nennen; also muß darum unsere ehrliche Quarte, deren unteres Ende, wie schon gesagt, der Quinte, und das obere Ende des Grund-Tons Stelle vertritt, nicht aufhören eine Consonantz zu seyn, sondern vielmehr, weil der Vater nicht vorhanden, dessen Stelle, und zwar mit dessen und der gantzen Familie völligen Genehmhaltung, versehen.

§. 22.

Nun wohlan! Wie halten denn Frau und Kinder Hauß, wenn der Vater, der alte Baas, oder Sonus infimus triadis nicht zu Hause ist, oder sich des Hauß-Regiments auf eine kurtze Zeit freywillig begiebt? Ehe ich den Satz genauer beschreibe, kan nicht umhin, um derer willen, die mich schon verstehen, was ich mit diesem Gleichniß sagen will, mit einer Boutade zu antworten. Sie stehet Tab. XIII. Fig. 4.

§. 23.

Tausend und aber tausend mahl wird die Quarte auf diese Art gebraucht, da sie aber kein dissonirendes, sondern vielmehr ein consonirendes, liebkosendes, freundliches und artiges Wesen an sich hat, dessen man fast nicht überdrüßig wird, wie Herr Mattheson an einem gewissen Orte von ihr schreibet. Ja seine Organisten-Probe oder große General-Baß-Schule bezeuget solches selbsten an vielen Orten. Man sehe nur unter andern deren zweytes Prob-Stück an!

§. 24.

In solchen und vielen andern Prob-Stücken gedachten Buchs, als im 9ten, 2ten P. II. allwo unsere Frau Quarta so gar die Ehre hat anzufangen, wie auch im 15ten P. II. ja fast in den meisten erscheinet die Quarte würcklich als Consonantia, maßen sie aus der Versetzung des Haupt-Accords entspringet, wie nicht zu leugnen ist.

§. 25.

Lasset uns doch den wichtigen und bündigsten Beweißthum des Baryphoni, daß die Quarta eine Consonantia sey, nemlich den vierdten, an welchen es allein genug gewesen wäre, ein wenig in Betrachtung ziehen! Er stehet im Forschenden Orchestre p. 627; und glaube ich gerne, daß Herrn Capellmeister Mattheson nicht gar wohl bey der vermeynten Widerlegung desselben gewesen, wie Er selbsten bekennet, und muß Ihm wohl sauer geworden seyn, wenn Er anders Baryphoni Meynung verstanden, biß Er demselben einen falschen Verstand angedichtet, nach wel<S. 101 / PDF 47>chem seine vermeynte Widerlegung einen Schein der Wahrheit bekommen. Mich wundert aber nicht wenig, daß sich, so viel mir bewust, nicht eher jemand des ehrlichen Baryphoni angenommen, und den rechten Verstand seines Arguments zu Tage geleget hat. Es ist ja eine löbliche That, der Verstorbenen (da sie sich nicht verantworten können) Ehre retten, und die wahre Meynung ihrer Sätze, wenn sie falsch ausgeleget werden wollen, ans Licht stellen. Wohlan denn! Ich will nach meinen wenigen Vermögen, bloß allein von der Liebe zur Wahrheit gedrungen, die Meynung des ehrlichen Baryphoni, was diesen seinen vierdten Beweißthum betrifft, zu Tage legen, und zeigen, daß seine Worte nicht von der subtractione vulgari, die man angehenden Rechen-Schülern lehret, sondern von der Subtractione rationum zu verstehen. Der Beweißthum des Baryphoni aber lautet also: „Si Quarta dissonantiis esset annumeranda, à Diapason subtracta relinquat intervallum dissonum necesse est. Intervallum enim à Diapason subductum relinquit intervallum sibi homogeneum, quod vel consonum, si subductum fuerit consonum; vel dissonum, si dissonum." Herr Mattheson hat es also verteutscht: Wäre die Quarte den Dissonantzen beyzuzehlen, so müste sie nothwendig auch ein dissonirendes intervallum nachlassen, wenn sie von der Octave abgezogen wird. Denn, ein von der Octave abgezogenes Intervallum hinterlässet seines gleichen, welches entweder wohlklingend ist, daferne das abgezogene wohlklinget, oder übel-lautend, falls das abgezogene übel lautet.

§. 26.

Baryphonus redet also allhier von Intervallen und nicht von einzelnen Klängen. Ein Intervall aber erfordert zwey der Höhe nach von einander unterschiedene Klänge. Er saget nicht: Die Octav hat 8. Klänge; wenn deren z. E. 4. abgezogen werden, so bleiben 4, oder: wenn deren 3. abgezogen werden, so bleiben 5, wie Herr Mattheson p. 633. und 634. im Forsch. Orchestre dergleichen Noten-Rechnung macht, die einer, der nichts von der Subtractione rationum s. intervallorum verstehet, vor gantz richtig annimmt, und glaubet: Herr Mattheson habe überley Recht, daß er den Baryphonum so herum nehme. Allein laßt uns das Ding beym Lichte besehen, so werden wir bald finden, daß Herr Mattheson diesem untrüglichen Beweißthum am besagten Orte zwar gewaltig, aber ungegründeter maßen widersprochen, und dem ehrlichen Baryphono seine Meynung grundfalsch ausgeleget, gäntzlich verkehret, und hernach lustig drauf loß argumentiret hat.[1] Lasset uns dahero sehen, obs wahr sey, was Baryphonus geschrieben hat: Ziehet man von der Octav eine kleine Secund als Intervallum dissonum ab, so bleibet ihres gleichen, nemlich die Replique derselben, die große Septime zurück, e. g.

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   2 :  1     Ratio Octavae.
  16 : 15     Ratio Secundae min.
  ————————
  30 : 16
2)————————
  15 :  8     Ratio Septimae majoris.

(NB. Man multipliciret übers Kreutz.)

Ziehet man eine große Secund ab, es sey nun Tonus major oder minor, so bleibet ihre Replique, intervallum sibi homogeneum, nemlich Septima minor übrig; e. g:

  2 :  1                    2 :  1
  9 :  8   Octava          10 :  9   Ton. min.
  ————————  Tonus major    18 : 10
 16 :  9   Septima min.   2)————————
             commate def.   9 :  5   Sept. min.

Eine abgezogene kleine Tertz, hinterlässet ihre Replique, intervallum sibi homogeneum, die große Sext; e. g:

  2 : 1
  6 : 5     Tertia minor.
 10 : 6
2)————
  5 : 3     Sexta major.

Wird Tertia major subtrahiret, so bleibet ihre Replique, Sexta minor, zurück: Z. E.

2 : 1
5 : 4    Tertia maj.
8 : 5    Sexta min.

Die von der Octav abgezogene Quarta hinterlässet Quintam, intervallum consonum sibi homogeneum: e. g.

2 : 1
4 : 3    Quarta.
6 : 4
3)————
3 : 2    Quinta.

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Eine abgezogene Quarta superflua hinterlässet ihres gleichen, nemlich Quintam imperfectam:

 2 :  1
64 : 45   Quarta superflua.
90 : 64
2)————
45 : 32   Quinta imperfecta.

Ziehet man Quintam, intervallum consonum ab, so bleibet Quarta, intervallum sibi homogeneum, n. consonum zurück:

2 : 1
3 : 2   Quinta
4 : 3   Quarta.

Keinesweges aber eine Terz, c d e f g | a h c, wo bliebe sonst das intervallum von g ins a?

Eine abgezogene kleine Sext, hinterlässet eine große Tertz. Z. E.

 2 : 1
 8 : 5   Sexta min.
10 : 8
2)————
 5 : 4   Tertia major.

Ziehet man eine große Sext von der Octav ab, so bleibet ihre Replique, die kleine Tertz übrig:

2 : 1
5 : 3   Sexta maj.
6 : 5   Tertia min.

Eine kleine Septime hinterlässet ihre Replique, eine große Secund:

2 : 1    C : c
9 : 5    c : B    Septima min.
10 : 9   B : c    Secunda maj.

Eine große Septime, intervallum dissonum abgezogen, hinterlässet intervallum dissonum sibi homogeneum, nemlich eine kleine Secunde:

 2 :  1        Keinesweges aber nur Sonum, wie Herr
15 :  8        Mattheson rechnet:
16 : 15.

Denn Sonus ist ja kein Intervallum, wie er selber sagt. Wo bliebe z. E. auf <S. 104 / PDF 50> dem Monochordo die Distance oder intervallum zwischen D und E, wenn Secunda ab Octava subtracta nur Sextam hinterlassen solte? Hier heissets nicht: Zwey von achten bleibt sechse. So einfältig war Baryphonus nicht, daß er ein Intervall von dem andern auf solche Weise abgezogen hätte.

§. 27.

Ich muß mich noch ein wenig bey dieser Materie aufhalten, ob es wohl an dem bereits gesagten genug wäre sensum Baryphoni zu Tage zu legen. Die Diatonische Octav hat bekannter maßen 8. Klänge und 7. Intervalla. Ein Sonus allein, ist, wie bereits gesaget worden, kein Intervallum; denn ein Intervallum ist ein Raum zwischen zweyen Enden abgemessener Klänge, die einen gewissen Verhalt (rationem) mit einander haben. So bald ich nun den einen Klang wegnehme, und einen andern pro termino inferiori setze, so bald habe ich von dem Raum, den die Octav einnimmt, etwas abgezogen. So bald nun z. E. von der Octav C c der untere Klang weggenommen wird, so bald ist der nechst folgende Klang D vorhanden, und das Intervallum so zwischen D und C war, nemlich Intervallum dissonum, ist abgezogen, und bleibt Intervallum dissonum sibi homogeneum n. Septima übrig. Wenn aber, da sonus infimus Octavae weggenommen wird, der nechst folgende, oder ein anderer, nicht auftritt, so ist nur sonus supremus Octavae noch vorhanden, welcher allein gar kein Intervallum ausmacht. Herr Mattheson solte wohl was drum geben, wenn seine Noten-Subtraction nicht im Forschenden Orchestre stünde. Allein sie stehet da. Leider! Man muß es ihm zu gute halten. Große Leute fehlen auch.

§. 28.

Will man aber dennoch die Demonstration mit Noten vornehmen, so muß sie aussehen, wie Fig. 1. Tab. XIV. Ich setze diese Noten um derer willen bey, welche die National-Rechnung nicht verstehen. Wer Lust hat sie zu lernen, der findet in Herrn Capellmeister Fuxens Gradibus ad Parnassum, wie auch in Werckmeisters Hodego curioso gnugsame Anleitung darzu. Es ist nur zu beklagen, daß so wenige die Theorie der Music studiren. Vielleicht thun es künfftig mehrere.

§. 29.

Ich weiß fast nicht was ich von Herrn Matthesons Rechnung so p. 633. und 634. im Forschenden Orchestre stehet, sagen soll. Hat derselbe, wie man doch glauben solte, sensum Baryphoni begriffen, so will ich einen andern urtheilen lassen, was von dem zu halten, der anderer Leute Meynung mit allen Fleiß verkeh<S. 105 / PDF 51>ret, verdrehet, und wider besser Wissen und Gewissen fälschlich auslegt? Hat Er aber sensum Baryphoni nicht begriffen, so muß man sich höchlich wundern, wie doch ein solcher grosser Musicus theoretico-practicus in einer so leichten Sache, die nur subtractionem rationum vel intervallorum betrifft, sich so gar sehr hat verstossen können. Ein anders ist Subtractio vulgaris, die man Kindern lehret; ein anders aber Subtractio rationum, welche Baryphonus, als ein gelehrter Musicus theoreticus, meynet.

§. 30.

Was würde doch der ehrliche Baryphonus gesagt haben, wenn Er das Forschende Orchestre hätte lesen sollen? Ich glaube Er hätte Herrn Mattheson seine eigene Worte, so Er aus dem Quinctiliano anführet, vorgehalten, die p. 602. im Orch. III. also lauten: „Man müsse bescheidentlich und vorsichtig von den Leuten reden, damit man nicht, wie es den meisten widerfähret, verdamme, was man nicht verstehet."

§. 31.

Es ist merckwürdig, was Herr Mattheson im Orch. III. p. 627. schreibet, wenn Er §. 36. also anfängt: „Der vierdte Beweißthum unsers Baryphoni (daß die Quarta eine Consonantia sey) möchte einen wahrlich abschrecken, wer denselben nur so obenhin betrachtete: wie mir denn (ich gestehe es gerne) nicht gar wohl bey der Sache geworden, so daß ich schon anfieng die Hände sincken zu lassen, und Monsieur Baryphon heimlich um Quartier zu bitten. O hätte Er es gethan! Nun ist nicht mehr Zeit, es heimlich zu thun, sondern es wird öffentlich geschehen müssen, soll anders Baryphonus satisfaction erlangen.

§. 32.

Herr Mattheson wird mich entschuldiget halten, daß ich dieses zur Ehren-Rettung des Baryphoni schreibe; denn Er saget ja selbsten p. 603. im Orch. III. „Irrthümer aufzudecken ist lobenswürdiger, als solche zu bemänteln, insonderheit bey Wissenschafften. Ingleichen in Seinem Vollkommenen Capellmeister P. II. C. III. §. 31. „In wissenschafftlichen Dingen muß man der Wahrheit nicht schonen. Er bedencke auch, was Er im Orch. III. ad Lectorem §. XXIII. geschrieben, da es also lautet: „Habe ich geirret, wolle man mich dessen freundlich erinnern, und bedencken, es sey in dieser Welt niemand vollkommen. Wenn Sein Verfahren gegen Baryphonum nur nicht etwa, wie es das Ansehen gar starck gewinnet, ein vorsetzliches Verkehren und Verdrehen seiner Meynung ist, denn ich kan fast nicht glauben, daß Er Bary<S. 106 / PDF 52>phoni Sinn nicht solte verstanden haben. Es sey nun wie ihm sey! Was ich hier geschrieben, das habe ich bloß aus Liebe zur Music, zur Wahrheit, und gegen meinen Nechsten, worunter sonderlich der ehrliche Schul-Musicus Baryphonus mit zu rechnen, zumahl da Er sich als ein Todter nicht verantworten kan, geschrieben, und unterwerffe es dem gerechten und unpartheyischen Urtheil aller gelehrten Musicorum; getraue mir es auch so wohl gegen GOtt, den höchsten Liebhaber der Wahrheit, als gegen die gantze musicalische Welt wohl zu verantworten.

§. 33.

Es möchte nunmehro Zeit seyn, dieses erste Capitel zu beschliessen. Es bleibet demnach darbey, was Baryphonus schreibt: Intervallum à Diapason subductum relinquit intervallum sibi homogeneum, quod vel consonum, si subductum fuerit consonum; vel dissonum, si dissonum.[2] Was aber vor ein Unterschied zwischen diesen Intervallis sey, wird künfftig hin des mehrern erhellen.

§. 34.

Meine Meynung von Con- und Dissonantien ist diese: Octava (Unisonum unausgeschlossen) Quinta und Tertia major sind Consonantiae per se oder absolutae; Denn die Natur gibt sie alle auf einmahl durch das Anschlagen einer eintzigen etwas tief klingenden Saite. Sie gründen sich auch alle vier auf die Monadem, als:

1 : 1    Unisonus.
1 : 2    Octava.
1 : 3    Quinta secundo composita.
1 : 5    Tertia major tert. compos.

Sie sind auch mit einem schönen Bande der in der Ordnung folgenden 5. erstern Zahlen verbunden, nemlich 1 : 2 : 3 : 4 : 5. C c g c̄ e̅, und zwar ist die Octav doppelt zu hören. Es ist auch recht merckwürdig, daß die wahren consonirende Sätze, welche von denen beyden Haupt-Triadibus entstehen, sich entweder auf 1. oder 3. und 5. gründen müssen. Die 2. und 4. sind schon in der 1. begriffen. Das sind die Klänge womit sich das muntere Posthorn hören lässet. Nechst diesen erscheinet nicht unbillig Tertia minor 5 : 6, welche zwar von der Quarte mit schelen Augen angesehen wird, allein, weil die herrschende Quinte fast so offt mit der kleinen als großen Terz vermittelt wird (welches aber dem Vorrechte der großen Terz keinesweges zum Nachtheil gereichet, <S. 107 / PDF 53> massen sie allerdings weit schöner als die kleine) so muß sichs die Quarte gefallen lassen. Die durch die kleine Terz vermittelte Quint, und die daher entstehende Trias minus perfecta kan sich zwar erst in den Zahlen 10 : 12 : 15 sehen lassen; dem ohngeachtet aber hat sie doch die Helffte der Ton-Arten (Modorum) unter ihrer Bothmäßigkeit. Sie fängt heut zu Tag ein Stück mit an, und darff sich auch an dessen Ende mit hören lassen; jedoch aber schnapt sie gerne am Ende gantz kurtz ab, weil sie sich gleichsam schämet, daß sie gegen die so prächtig und männlich klingende große Terz, nur weichlich und weibisch klinget. Sie (Tertia minor) ist also zwar etwas geringerer Condition als die Octav, Quint und große Terz, jedoch denen übrigen allen vorzusetzen. Tertia major ist gleichsam der Quintae Sohn, und Tertia minor der Quintae Tochter. Doch hat der Sohn ein großes Vorrecht vor der Tochter. Der curieuse Leser besehe hiervon meine General. alleg. intervallorum p. 6. & 7. Alle übrigen aber, worunter sich die Quarta den Vorsitz nimmt, sind consonantiae per accidens oder relativae, dienen zur Abwechselung und nöthigen Veränderung der Harmonie; haben auch keine so genaue Vereinigung mit der Monade, sondern gründen sich nur auf den Ternarium oder Quinarium 3. & 5. e. g.

3 : 4    Quarta.
3 : 5    Sexta major.
5 : 8    Sexta minor.

mit allen ihren Compositis. Doch hat die kleine Sext vor der großen den Rang, weil sie die Replique von der großen Tertz ist. Was noch übrig ist von Consonantien, ist noch geringerer Condition, jedoch von denen eigentlichen Dissonantzen unterschieden; wovon an seinem Orte ein mehrers. Vorietzo wende mich zum Quarten-Accord, in welchen wir die Quart als eine gute Consonantz (Consonantiam relativam) anzusehen haben.


  1. Auf solche Weise könten wohl alle Wahrheiten zu Lügen gemacht werden. ↩︎

  2. Der geneigte Leser beliebe die Baryphoniana im Orch. III. durchzulesen, so wird Er finden, daß man Ursach hat Baryphonum zu vertheidigen. ↩︎