Friedrich Wilhelm Marpurg:
»Handbuch bey dem Generalbasse und der Composition«,
Zweyter Theil
(Berlin, verlegt von Gottlieb August Lange, 1757)
(Transkribiert von Georg Thoma mit KI-Unterstützung)
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Handbuch
bey dem
Generalbasse
und der
Composition
mit zwey- drey- vier- fünf- sechs- sieben- acht
und mehrern
Stimmen.
von
Friedrich Wilhelm Marpurg.
Zweyter Theil,
Nebst IX. Kupfertafeln.
Berlin,
verlegt von Gottlieb August Lange. 1757.
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Inhalt.
- Fortsetzung des II. Abschnitts von der harmonischen Fortschreitung der Intervallen. — Seite 71
- Fortsetzung des I. Absatzes des II. Abschnittes. — 72
- Erklärung der zweyten Hauptregel:[1] Von der Fortschreitung einer vollkommnen Consonanz zu einer unvollkommnen, oder von der Fortschreitung der Octave, des Einklangs oder der Quinte zu einer Terz oder Sexte. — 72
- Erklärung der dritten Hauptregel: Von der Fortschreitung einer unvollkommnen Consonanz zu einer vollkommnen, oder von der Fortschreitung der Terz oder Sexte zur Quinte oder Octave. — 74
- Erklärung der vierten Hauptregel: Von der Fortschreitung einer unvollkommnen Consonanz zu einer andern unvollkommnen, oder von dem Gebrauch der Terzen und Sexten unter sich. — 76
- II. und III. Absatz: Von der Fortschreitung der Pseudoconsonanzen, der Pseudodissonanzen und der Dissonanzen an sich. — 78
- Diese Fortschreitung kann auf dreyerley Art geschehen:
- Vermittelst des Durchganges. — 82
- Vermittelst des Wechselganges. — 83
- Vermittelst der Rückung. — 86
- I. Artikel. Von der Septime. — 89
- II. Artikel. Von der Secunde. — 114
- III. Artikel. Von der falschen Quinte und der übermäßigen Quarte. — Seite 118
- IV. Artikel. Von der übermäßigen Quinte und verminderten Quarte. — 122
- V. Artikel. Von der übermäßigen Sexte und der verminderten Terz. — 125
- VI. Artikel. Von der verminderten Sexte und übermäßigen Terz. — 127
- VII. Artikel. Vom verminderten und übermäßigen Einklang, ingleichen von der übermäßigen und verminderten Octave. — 128
- VIII. Artikel. Von der None. — 129
- IX. Artikel. von der Undecime. — 139
- Anmerkung. Von der Terzdecime sehe man Seite 186. 1. Anmerkung.
- Diese Fortschreitung kann auf dreyerley Art geschehen:
- IV. Absatz. Von der Aufhaltung, Zertheilung, Versetzung der Harmonie, Verwechselung der Stimmen und Versteckung der Auflösung. — 145
- V. Absatz. Von dem unvorbereiteten Anschlage der Dissonanzen in der freyen Schreibart. — 151
- Fortsetzung des I. Absatzes des II. Abschnittes. — 72
- III. Abschnitt. Von der Verdoppelung der Intervallen. — 160
- I. Artikel. Von der Verdoppelung der Consonanzen überhaupt. — 161
- II. Artikel. Von der Verdoppelung der eigentlichen harmonischen Dreyklänge und der daraus vermittelst der Verkehrung abstammenden Sätze. — 162
- III. Artikel. Von der Verdoppelung der uneigentlichen harmonischen Dreyklänge, und der vermittelst der Verkehrung davon abstammenden Sätze. — 173
- IV. Artikel. Von der Verdoppelung der Intervallen in dissonirenden Sätzen. — 178
- V. Artikel. Von der Verdoppelung der Dissonanzen. — 187
- IV. Abschnitt. Von der Bezieferung der Accorde im Generalbasse. — 190
- I. Absatz. Von der Bezieferung der harmonischen Dreyklänge, und der davon abstammenden Sätze. — 196
- II. Absatz. Von der Bezieferung der Septime, und der davon abstammenden Sätze. — 198
- III. Absatz. Von der Bezieferung der None, Undecime und Terzdecime. — 201
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III. Artikel.
Von der falschen Quinte und der übermäßigen Quarte.
§. 1.
Diese beyde Intervallen sind ohne Zweifel die gelindesten Dissonanzen, und kann man dabey nicht sagen, daß das eine an sich mehr oder weniger dissonire, als das andere, weil sie die Octave in zwey gleiche Theile unterscheiden, und folglich das eine so viel als das andere enthält. So ist zum Exempel so viel Raum von e zu b als von e zu ais.
Anmerkungen.
- Man könnte hier einwerfen, daß das Intervall der übermäßigen Secunde, der verminderten Septime, und einige andere die für sich betrachtet nichts anders im Gehöre sind, als was die kleine Terz und große Sexte sind, noch gelindere Dissonanzen wären. Hierauf aber läßet sich antworten, daß, da die übermäßige Secunde etc. nicht an sich, sondern nur durch das Zukommen andrer Intervallen, dissoniret, man dieses Intervall auch nicht hieher ziehen kann. Allhier ist die Rede von solchen Intervallen, die an sich ohne das Zukommen andrer Intervallen dem Gehöre einen Mißlaut erwecken, und unter diese gehöret die falsche Quinte nebst dem Triton.
- Einige Musici wollen die verminderte Quinte und den Tritonum schlechterdings für consonirend und alsdenn nur für dissonirend halten, wenn z. E. die Sexte sich zur verminderten Quinte gesellet. Aber diese Meinung ist nicht gar zu wohl gegründet. Was für Intervallen machen denn den verminderten Septimen- und den übermäßigen Secundenaccord dissonirend? Sind es nicht die falsche Quinte und der Triton?
§. 2.
Diese an sich dissonirende Intervallen werden in verschiedenen Fällen im Laufe der Modulation als consonirend ausgeübet. Doch ehe wir den consonirenden Gebrauch derselben berühren, müssen wir billig zuerst zeigen, auf was für eine Art sie als Dissonanzen gebrauchet werden. Dieser bestehet darinnen, daß sie vorbereitet und aufgelöset werden. Wir wollen solches zuerst mit der falschen Quinte, und zwar sogleich in Exempeln vor<S. 119 / PDF 49>nehmen, wenn wir vorhero bemerket haben, daß der oberste Theil der falschen Quinte zuvor liegen und hernach einen Grad unter sich gehen muß.
Vorbereitungen und Auflösungen der falschen Quinte.
1. Exempel. 2. Exempel. 3. Exempel. 4. Exempel.
f | f e (es) f | f e f | f e f | f e
| g g | d a | g gis | g h
H C H Cis H E H G
5. Exempel. 6. Exempel. 7. Exempel.
f | f e f | f e f | f e
| d h | d g | d cis
H Gis H B H Ais
Man siehet aus den vorhergehenden Exempeln, wie der oberste Theil der falschen Quinte sich allezeit einen Grad herunter beweget, der Baß aber, nach Maaßgebung der Modulation, seinen Weg bald hier, bald dort hinnimmt. Da oben bey der Auflösung des Septimenaccords in die Terz und bey den Verkehrungen derselben genugsam über diese Materie gesprochen ist, so verweisen wir den Leser dahin. Wenn aber eben daselbst gesagt ist, daß der unterste Theil derjenigen falschen Quinte, die aus der Versetzung des Septimenaccords auf der Dominante entspringet, ordentlicher Weise im Basse, oder vermittelst der Verwechselung der Stimmen, in einer andern Partie, einen Grad über sich gehen muß, so ist solches nur zu verstehen, wenn auf diesen Accord der Septime oder auf einen daraus entspringenden Accord, entweder der harmonische Dreyklang oder der daraus entspringende Sextenaccord folget; In jedem andern Falle aber, wenn auf eben diesen kleinen Septimenaccord oder auf einen davon entspringenden, ein andrer Accord erfolget, es sey nun in eben derjenigen Modulation, wie in dem vorhergehenden vierten Exempel, oder daß man den Ton verändert, wie in dem 2. 3. 5. 6. und 7. Exempel, da braucht man so wenig auf das unterste Ende der falschen Quinte acht zu haben, als in allen übrigen Accorden der Septime, wo sich eine falsche Quinte findet, so wie bereits oben an seinem Orte gesagt ist. Den Beweiß davon wird man in dem vorhergehenden 2. 3. 4. 5. 6. und 7. Exempel finden. Was die Vorbereitung der falschen Quinte anlanget, so wird nun solche zwar in der strengern Schreibart von den Alten erfordert, wenn sie in <S. 120 / PDF 50> Thesi erscheinen, und nicht im Durchgange gemacht werden soll. Hingegen fällt diese Vorsicht in der freyen Schreibart weg, und auch in der strengen Schreibart ist es bey vollstimmiger Harmonie genug, daß die Hauptdissonanz, mit der sie zum Vorschein kömmt, vorher lieget, wie schon oben gelehret ist, z. E. wenn sie die kleine Septime auf der Secunda Toni minoris, oder auf dem Semitonio modi majoris, oder wenn sie die verminderte Septime etc. begleitet. Bey der kleinen Septime auf der Dominante wird sie vermittelst der Septime schon zugleich vorbereitet.
Wenn man itzo wissen will, wie es mit dem Tritono beschaffen ist, so brauchet man nur die vorhergehenden Exempel umzukehren.
Vorbereitungen und Auflösungen des Tritons.
1. Exempel. 2. Exempel. 3. Exempel. 4. Exempel.
| h c (es) | h cis | h e | h g
| d e | d e | g gis | d e
F FE (Es) F FE F FE F FE
5. Exempel. 6. Exempel. 7. Exempel. 8. Exempel.
| h gis | h b | h ais | h c oder h e
| d e | d g | d cis | d e | d g
F FE F FE F FC F FC
Was vorhero weitläuftig von der falschen Quinte gesagt ist, gilt auch vom Tritono, mit dem bloßen Unterscheid, daß was vom obern Ende der falschen Quinte gesagt ist, von dem untern Ende des Tritoni verstanden werden muß, und was vom untern Ende der falschen Quinte gesagt ist, den obersten Theil des Tritoni betrifft. Das achte Exempel welches hiefelbst hinzugefüget ist, gründet sich auf die Verwechselung der Stimmen. Wie eben diese Verwechselung bey der falschen Quinte Statt finden könne, siehet man aus folgendem Exempel, welches oben vergessen worden:
f | f c
| g g
H E
oder f | f (e) (d) c (Sind vier Achttheile).
H E (Sind zwey Viertheile).
§. 3.
Wir kommen auf den consonirenden Gebrauch der falschen Quinte und des Tritoni. Dieser bestehet nun darinnen, daß beyde gehen kön<S. 121 / PDF 51>nen, wohin sie wollen. Die dazu gehörige Harmonie giebt uns der kleine verminderte Dreyklang, zum Exempel
f
d
h
Wir wollen alles mit Exempeln von der falschen Quinte erläutern, und des Tritoni wegen einige Verkehrungen davon machen. Man sehe
α) Fig. 33. Tab. V. wo die falsche Quinte einen kleinen halben Ton steigt, während der Zeit der Baß einen ganzen Ton abwärts geht. Vermittelst der Verkehrung entstehen unter andern folgende Sätze daraus:
e | f fis | g e | d c | h
c | d d | d Octa- c | h a | g
g | h a | h oder g ve.c | d d | d
E | D C H E FFis G
Wie man den Secundequintenaccord hiebey anbringen könne, siehet man bey Fig. 34.
β) Fig. 35. Die falsche Quinte macht hier eben die Progreßion wie vorher, nur daß es mit der darauf folgenden Harmonie eine andere Bewandtniß hat. Wir wollen einige Verkehrungen davon hersetzen.
e | d dis | e c | h a | g
c | h a | g e | f fis | e
E | F Fis E C D Dis E
γ) Fig. 36. Diese Gänge sind sehr bekannt.
δ) Fig. 37. Der oberste Theil der falschen Quinte steigt einen ganzen Ton, und der unterste geht einen chromatischen halben Ton abwärts.
ε) Fig. 38. Ist ein sehr bekannter Gang.
ζ) Fig. 39. Die falsche Quinte f geht in die Sexte g über sich.
η) Fig. 40. 41. In beyden Exempeln geht der Baß einen chromatischen halben Ton unter sich, der die falsche Quinte in dem zweyten Exempel in eine kleine Sexte, und in dem ersten in eine verminderte Septime verwandelt.
θ) Fig. 42. findet sich ein besondrer Gang des Tritons, der zwar <S. 122 / PDF 52> oben, aber nicht unten, wie eine Dissonanz tractiret wird, und also hieher gehöret. Man braucht ihn im galanten Styl auf diese Art sehr oft.
IV. Artikel.
Von der übermäßigen Quinte und verminderten Quarte.
§. 1.
Die übermäßige Quinte wird entweder nur bloß mit der Terz und Octave alleine ausgeübet, oder es werden ihr andere Dissonanzen hinzugefüget, als die Secunde, Septime, None oder Undecime. In welchem Falle es sey, so wird sie zwar im freyen Styl öfters unvorbereitet gebraucht, hingegen in der strengen Schreibart muß entweder ihr oberstes oder unterstes Ende vorher liegen. Die Secunden, Septimen, Nonen oder Undecimen, die sie begleiten können, werden jede nach ihrer Art, vorbereitet, und da wir von allen diesen Intervallen besonders handeln, so wollen wir nur hier hauptsächlich bemerken, wie sie mit der Terz und Octave ausgeübet wird, und wenn wir eine andere Dissonanz hinzufügen, den Gebrauch dieser Dissonanz als erklärt annehmen. Der Sitz der übermäßigen Quinte ist die Mediante eines Molltons, wie bereits im I. Theile des Handbuchs in der Lehre von den uneigentlichen harmonischen Dreyklängen, und zwar bey dem harten vergrößerten Dreyklang, der die Harmonie der übermäßigen Quinte enthält, gesaget worden. Uebrigens ist der Gebrauch dieses harten vergrößerten Dreyklanges an sich von sehr geringem Nutzen, und bekömmt er nur seinen Wehrt von den Dissonanzen, die man ihm hinzufügen kann. Wir wollen itzo sehen, wie es gehalten wird,
1) Wenn das oberste Ende der übermäßigen Quinte vorherlieget.
Sie kann hier durch die Terz, Sexte, ja auch durch den Triton vorbereitet werden, und ihre Auflösung geschicht über sich entweder in die Sexte, wenn der Baß liegen bleibt, so wie bey Fig. 43. Tab. 5. oder in die Octave, wenn der Baß eine Terz herunter geht, wie bey Fig. 44. oder in die Terz, wenn der Baß eine Quarte steigt, wie bey Fig. 45. oder in die Septime, wenn der Baß eine Secunde herunter geht, als
gis | gis a | gis
f | e dis | e
D C H E
<S. 123 / PDF 53>
Hier folgen einige Exempel in Buchstaben, wo der übermäßigen Quinte eine andere Dissonanz zugegeben wird. Bey allen findet man, daß die übermäßige Quinte einen halben Ton über sich steigt.
1. Exempel. 2. Exempel. 3. Exempel.
gis | gis a h | h c h | h c
f | e e gis | gis a gis | gis a
d | d c f | e e f | f e
H C A D C A D C C
Hier findet sich die None d dabey.
Hier findet sich eine große über sich resolvirende Septime mit dabey. Dieser Fall der Septime ist oben schon berühret worden. Will man sie nicht einen halben Ton herauf resolviren, sondern solche mit der übermäßigen Quinte in den Einklang zusammen gehen lassen, so muß der Baß auf der Mediante bestehen bleiben, so wie im dritten Exempel, weil sonst die Harmonie zu leer seyn würde.
4. Exempel. 5. Exempel.
d | d c d | d c
h | h a h | h a
gis | gis a gis | gis a
f | e e f | f e
H C C H C C
Hier findet sich eine None und Septime zugleich dabey.
Hier hat die Undecime die Terz verdränget. Die übrigen Intervallen sind eine None und Septime.
2) Wenn das unterste Ende der übermäßigen Quinte vorherlieget.
Auf diesem untersten Ende gehet alsdenn der Sextenaccord von der Mediante vorher, und da allhier die Dissonanz eigentlich im Basse stecket, so tritt derselbe nach dem Anschlage der übermäßigen Quinte, eine Stuffe unter sich, wodurch dieselbe in die Sexte verwandelt und also re<S. 124 / PDF 54>solviret wird. Man sehe Fig. 46. Wie die übermäßige Quinte in Begleitung einer andern Dissonanz erscheine, findet man bey Fig. 47. Hier kommen noch zwey Exempel in Buchstaben, worinnen die Baßnoten nur die Hälfte des Wehrts in Ansehung der Noten in der Oberstimme enthalten.
1. Exempel. 2. Exempel.
a | h c e | d c
c | gis a a | h a
c | d e a | gis a
C CHAGcet. e | f e
C CHCA
Die Septime h geht allhier in Gesellschaft des Semitonii Modi über sich.
Hier finden sich eine Secunde, Septime und Undecime mit der übermäßigen Quinte beysammen.
§. 2.
Auf was für eine Art die übermäßige Quinte unvorbereitet in der freyen Schreibart gebraucht werde, siehet man bey Fig. 48. 49. Hier hat man noch zwey Exempel.
1. Exempel. 2. Exempel.
h | gis a h | gis a
f | f e fis | e e
d | d c d | d c
H C C h | h a
H C C-A
§. 3.
Außerordentlicher Weise kann die übermäßige Quinte einen chromatischen halben Ton unter sich gehen, während der Zeit der Baß derselben eben so viel entgegen geht. Fig. 1. 2. Tab. VI. oder einen halben Ton mit herunter steigt. Fig. 3.
§. 4.
Wer da weiß, wie mit der übermäßigen Quinte in dem harten vergrößerten Dreyklange umgegangen wird, der muß auch wissen, wie es mit dem daraus entspringenden Sexten- und verminderten Sextquartenaccorde in Ansehung ihres Tractamens, beschaffen ist. <S. 125 / PDF 55>
α) Wegen des Sextenaccords sehe man Fig. 4. (a) wo die Terz, die hiefelbst die übermäßige Quinte vorstellet, über sich geht, und (b) wo die Sexte c, die den untersten Theil der übermäßigen Quinte in dem Grundaccorde ausmachte, anstatt des Semitonii, allhier durch Heruntertretung in die Quinte die Resolution verrichtet. Bey Fig. 5. findet man eine chromatische Resolution.
β) Wegen der verminderten Quarte sehe man Fig. 6. wo der Baß, und Fig. 7. wo die Oberstimme resolviret. Bey Fig. 8. tritt der Baß einen chromatischen halben Ton unter sich.
V. Artikel.
Von der übermäßigen Sexte und der verminderten Terz.
§. 1.
Von der übermäßigen Sexte ist schon oben gelegentlich gehandelt worden. Wir merken noch allhier, daß sie auf dreyerley Art gebraucht wird, nemlich entweder 1) mit der Terz und dem Triton. Alsdenn stammet sie von dem mit einer Septime vermehrten harten verminderten Dreyklange her. (S. den I. Theil des Handb. pag. 28.) oder 2) mit der Terz und Quinte. Alsdenn stammet sie von einem mit der verminderten Terz, an statt der kleinen, begleiteten verminderten Septimenaccorde her. Oder 3) mit der verdoppelten Terz oder Octave. Dieses geschicht wenn man von der ersten Art den Triton wegläßet, und alsdenn eines oder das andere, oder in sehr vollstimmigen Sachen, alle beyde benennte Intervallen verdoppelt.
§. 2.
Da die übermäßige Sexte nicht gebunden aufgeführet werden kann, so gehöret sie deßwegen so wenig als alle mit ihr verwandte Sätze, in die strenge Schreibart, sondern wird nur im galanten Styl ausgeübet.
§. 3.
In Ansehung der Auflösung, so gehet die übermäßige Sexte einen Grad über sich, die verminderte Terz aber einen Grad unter sich. Außerordentlicher Weise kann die erste auch einen chromatischen halben Ton unter sich gehen. Wir wollen alles mit folgenden Exem<S. 126 / PDF 56>peln deutlicher machen, wobey man zu gleicher Zeit sehen wird, was für Sätze vor beyden Accorden vorhergehen können.
Man sehe also Fig. 9. wo man die übermäßige Sexte nach ihrem ersten Gebrauche findet.
Fig. 10. wo man sie nach ihrem zweyten Gebrauche findet.
Fig. 11. und 12 wo man sie nach ihrem dritten Gebrauche findet.
Man kann zu diesen Exempeln annoch folgende hinzufügen:
1. Exempel. 2. Exempel. 3. Exempel.
e | e dis e — e | e dis e h | c h h
c | c — e h c | c h h g | a a gis
a | a — a gis a | a — gis e | e dis e
A F F E E F F E E E F E
Dieses gehört zum Gebrauche von der zweyten Art.
Dieses gehört zum Gebrauche von der ersten Art.
Wie das vorhergehende Exempel.
Man wird überall bemerken, wie der Baß eine Stuffe unter, und die Oberstimme eine Stuffe über sich zur Resolution in die Octave geht.
Wie die Auflösung auf eine chromatische Art, da beyde Stimmen einander entgegen gehen, geschehen könne, siehet man bey Fig. 13.
Noch eine andere Art, da die übermäßige Sexte sich in die Septime auflöset, und diese wieder auf eine übermäßige Sexte herabgehet, siehet man allhier:
e | dis d | cis c | h
c | h h | a a | g
a | a gis | g fis | d
A F E Es D G
Aus der Auflösung der übermäßigen Sexte in die Septime entstehet vermittelst der Verkehrung folgende Resolution derselben in die falsche Quinte wenn der Baß eine verminderte Septime herunter springet:
e | dis d
h | h h
gis | a e
E F Gis
cetera
§. 4.
Von den verwandten Accorden kommt nur folgender als der leidlichste in der freyen Praxi vor, nemlich der verminderte Terzenaccord, <S. 127 / PDF 57> der als ein anomalischer Dreyklang betrachtet werden kann. Er führet die falsche Quinte bey sich. Soll er bequem vierstimmig gebraucht werden, so muß man die Terz verdoppeln, und alsdenn die eine einen halben Ton unter sich in die Octave gehen lassen, während der Zeit die andere eine falsche Quinte herunterspringet. Der Baß steiget bey diesem Proceß einen halben Ton. Man sehe Fig. 14. Tab. VI. Man füget diesem Accorde öfters annoch eine verminderte Septime hinzu, wie man bey Fig. 15. siehet, und wenn man denselben verkehret, und die Terz in den Baß setzet, so entspringet alsdenn der eben erklärte übermäßige Sextenaccord mit der Quinte daraus. Setzet man die falsche Quinte des Grundaccordes in den Baß, so hat man einen aus der übermäßigen Quarte, der kleinen Terz und kleinen Sexte bestehenden Satz. Fig. 16. Die letzte Verkehrung lassen wir weg.
VI. Artikel.
Von der verminderten Sexte und übermäßigen Terz.
§. 1.
Die verminderte Sexte nebst der übermäßigen Terz gehöret so gut als die übermäßige Quinte und verminderte Quarte unter die Pseudodissonanzen, indem sie nicht an sich, sondern nur respective, das ist, in der Zusammensetzung mit andern Intervallen dem Gehör mißlautend werden.
§. 2.
Es entstehet aber die verminderte Sexte in ihrem guten Gebrauche aus nichts anderm, als aus der Verwechselung des Klanggeschlechts. Sie gehöret nicht in die strenge Schreibart, sondern in die Freiheiten des galanten Styls. Indessen muß sie doch allhier auch vorbereitet werden, und das geschicht am obersten Ende, welches hernach einen Grad herunter geht, während der Zeit der Baß auf seiner Stuffe bestehen bleibt. Der Accord, in den sie geht, löset sich hernach nach seiner Art auf, so wie es <S. 128 / PDF 58> bey allen denen übrigen Dissonanzen geschicht, von welchen eine in die andere geht, und wo der letzte consonirende Accord endlich alles wieder zur Ruhe bringen muß. Ein Exempel von der verminderten Sexte sehe man bey Fig. 17. wo man finden wird, daß der Unterhalbeton der Dominante der Sitz der verminderten Sexte ist. Ihren Ursprung aus der Verwechselung des Geschlechts wird man aus der Vergleichung der Fig. 17. mit Fig. 18. erkennen.
§. 3.
Bey der übermäßigen Terz muß der Baß zum voraus liegen, der hernach einen Grad unter sich geht, während der Zeit die Oberstimme auf ihrer Stuffe bleibt. So wie nemlich bey der Auflösung der verminderten Sexte, dieses Intervall in eine falsche Quinte verändert werden muß: so muß allhier die übermäßige Terz in einen Triton verwandelt werden. Und diese Intervallen, die falsche Quinte und der Triton, lösen sich hernach nach ihrer Art auf. Man sehe Fig. 19.
VII. Artikel.
Vom verminderten und übermäßigen Einklang,
ingleichen
Von der übermäßigen und verminderten Octave.
Wir haben schon im I. Theile des Handb. Seite 30. gesehen, wie die übermäßige und verminderte Octave gebraucht werde. Hier folgen annoch einige Exempel, welche man findet bey Fig. 20. wo sich zwischen den beyden höchsten Stimmen eine verminderte Octave im Durchgange zeiget, und welche bey Fig. 21. vermittelst der Verkehrung in eine übermäßige Octave verwandelt wird. Setzet man die Altstimme von Fig. 21. eine Octave höher, so wie bey Fig. 22. so wird die übermäßige Octave zu einem übermäßigen oder verminderten Einklange. Denn diese beyde Gattungen von Einklängen sind in ihrem practischen Gebrauche, allezeit zugleich beysammen, indem, so wie c-cis einen übermäßigen Einklang macht, also aus cis-c ein verminderter entspringet.
Eine verminderte Octave findet man annoch bey Fig. 23. und einen übermäßigen oder verminderten Einklang bey Fig. 24.
<S. 129 / PDF 59>
VIII. Artikel.
Von der None.
§. 1.
Da wir in dem Artikel von der Secunde, die beyden Intervalle der None und Secunde nach allen ihren Merkmahlen von einander unterschieden haben, so wollen wir uns allhier darauf beziehen, ohne solches zu wiederhohlen. Die None ist dreyerley: klein, groß und übermäßig. Sowohl die eine als die andere wird in der Oberstimme vorbereitet. Die kleine und große steigen, nach geschehnem Anschlage, einen Grad unter sich, die übermäßige aber geht über sich.
§. 2.
Wir wollen zuförderst von der kleinen und großen None handeln, und sehen wie deren Auflösung geschehen kann
I. In die Octave, wenn der Baß liegen bleibt. Fig. 25.
Die Vorbereitung muß hier niemahls mit der Octave geschehen, weil sonst eine fehlerhafte Octavenfolge entstehen würde.
Anmerkung.
Wenn mehrere Dissonanzen im Satze vorhanden sind, z. E. wenn die None von der Septime begleitet wird, wie in dem ersten der folgenden mit Buchstaben bezeichneten Exempel, oder von der Undecime, wie in dem zweyten Exempel, oder von der übermäßigen Quinte, wie in dem dritten Exempel, so resolviret eine jede Dissonanz dabey nach ihrer Art, so wie auch eine jede gehörig vorhero muß gelegen haben.
Die erste Hauptregel: Von der Fortschreitung einer vollkommnen Consonanz zu einer andern vollkommnen, oder von dem Gebrauche des Einklangs, der Octave und der Quinte, ist im I. Theile des Handbuchs, Seite 51. abgehandelt worden. ↩︎