Teilung eines Intervalls (harmonisch, arithmetisch, geometrisch)
Johann Philipp Kirnberger unterscheidet drei Arten, einen Ton zwischen zwei gegebene Töne zu setzen und damit ein Intervall zu teilen: die geometrische, die arithmetische und die harmonische Teilung.
Er bezieht sich dabei auf die antike griechische Mathematik und Musiktheorie. Bereits Archytas von Tarent unterschied im 4. Jahrhundert v. Chr. das arithmetische, geometrische und harmonische Mittel und wandte diese Proportionen auf musikalische Intervalle an. Die Lehre wurde später unter anderem über Euklid und Boethius weitergegeben und von Kirnberger in seiner Kunst des reinen Satzes in der Musik aufgegriffen.
Man stelle sich die Töne durch die Längen ihrer Saiten vor: Saite A hat die Länge
Möchte man zwischen diese beiden Töne einen dritten Ton B setzen, so gibt es drei verschiedene Möglichkeiten, eine „Mitte“ zwischen den beiden Saitenlängen zu bestimmen.
Arithmetische Teilung
Die arithmetische Teilung verwendet den gewöhnlichen Mittelwert der beiden Zahlen. Man addiert beide Saitenlängen und teilt die Summe durch
Die drei Saitenlängen lauten dann:
Die Abstände der Saitenlängen sind auf beiden Seiten gleich:
Da die Tonhöhe umgekehrt proportional zur Saitenlänge ist, entspricht die mittlere Saite dem Frequenzverhältnis
zum tieferen Ton. Der mittlere Ton ist also die Quarte, etwa
Die arithmetische Teilung zerlegt die Oktave somit in Quarte und Quinte.
Harmonische Teilung
Bei der harmonischen Teilung sind nicht die absoluten Unterschiede der Saitenlängen gleich. Stattdessen ist der Abstand der mittleren Saite von jeder äußeren Saite jeweils derselbe Bruchteil dieser äußeren Saitenlänge.
Für die Saitenlängen
Die drei Saitenlängen sind also:
Kirnbergers Beschreibung lässt sich hier unmittelbar erkennen. Die Differenz zwischen
Das ist ein Drittel von
Die Differenz zwischen
und dies ist wiederum ein Drittel von
Die mittlere Zahl
Musikalisch ergibt sich für den Abstand vom tieferen Ton zur mittleren Saite:
Das entspricht einer Quinte. Die harmonische Teilung zerlegt die Oktave somit in Quinte und Quarte.
Arithmetische und harmonische Teilung liefern also dieselben beiden konsonanten Intervalle, jedoch in umgekehrter Reihenfolge:
Geometrische Teilung
Die geometrische Teilung unterscheidet sich grundsätzlich von den beiden anderen Verfahren. Hier soll der mittlere Ton B so liegen, dass die beiden Intervalle genau gleich groß sind.
Dazu muss zwischen den drei Saitenlängen dieselbe Proportion bestehen:
Das bedeutet:
und daraus folgt:
also:
Die drei Saitenlängen lauten damit:
Für die beiden Teilintervalle gilt:
und
Beide Intervalle sind also exakt gleich groß:
Die geometrische Teilung ist damit diejenige Teilung, welche die Oktave tatsächlich in zwei gleiche musikalische Intervalle zerlegt.
In der heutigen gleichstufigen Stimmung entspricht diese Mitte dem Tritonus, also beispielsweise
Warum sagt Kirnberger, eine solche Zahl könne nicht gefunden werden?
Kirnberger schreibt über die geometrische Teilung, dass bei einer Oktave keine entsprechende mittlere Proportionalzahl gefunden werden könne. Das bedeutet nicht, dass die geometrische Mitte mathematisch nicht existiert.
Das Problem liegt vielmehr darin, dass
Die traditionelle antike Musiktheorie beschreibt musikalische Intervalle dagegen durch rationale Zahlenverhältnisse, etwa:
Innerhalb dieser Zahlenwelt lässt sich zwischen
Denn eine solche Zahl müsste notwendig
Gerade darin besteht die Besonderheit der geometrischen Teilung: Sie halbiert die Oktave musikalisch exakt, führt dabei aber aus der Welt der ganzzahligen bzw. rationalen Proportionen heraus.
Übersicht
Für eine Oktave mit den Saitenlängen
| Teilung | mittlere Saitenlänge | Intervalle | Prinzip |
|---|---|---|---|
| arithmetisch | Quarte + Quinte | gleiche absolute Unterschiede der Saitenlängen | |
| harmonisch | Quinte + Quarte | gleiche relative Unterschiede gegenüber den beiden äußeren Saitenlängen | |
| geometrisch | zwei gleiche Tritoni | gleiche Verhältnisse und damit gleiche musikalische Intervalle |